Leseprobe Morendo

 

Talentiert balancierte der Kellner das Wasserglas zum verwaisten Ecktisch. Kurz darauf betrat die Comtessa Giuseppina das heimelige Café, getäfelt in edlem Holz. Er half ihr mit aufgesetzter Sonntagsmiene aus dem modischen Saisonmantel und wünschte ihr trotz des äußerst bescheidenen Wetters den schönsten Tag ihres Lebens.
 „Hatten Signora eine angenehme Reise?“ Er eskortierte die Giuseppina an den vorbereiteten Platz. Ohne ihre Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Ich habe mir erlaubt, Signora bereits eine kleine Erfrischung zu kredenzen.“
  Sie setzte sich, ohne den Mann eines Blickes zu würdigen, und bedankte sich mit gespielter Höflichkeit, aus Ärger darüber, dass er sich nicht merken konnte, ihr das Quellwasser ohne Eiswürfel zu bringen. Ohne es angerührt zu haben, erhob sie sich.
  „Bringen Sie mich auf mein Zimmer.“
  „Sehrwohl, Signora. Das Rosenzimmer in der Kaisersuite.“
  „Ich präferiere das Balkonzimmer auf der fünften Etage, wie Sie wissen“, sagte sie kühl.
  Der Kellner schluckte verlegen, als ihn ihre fordernde Strenge traf, die deutlich machte, dass sie keinen Widerspruch zu dulden gewillt war.
  „Signora, ein Unglück“, stammelte der Kellner.
  „Was?“, fragte sie unverblümt.
  „Ein Herr …“
  „Quartieren Sie ihn um!“
  „Auf kaiserlichen Amtsstempel wurde das Zimmer für drei Monate gemietet, Signora“, entgegnete der Kellner in geheimnisvollem Ton.
  „Tatsächlich?“ Skeptisch hob sie die Augenbrauen. „Jetzt machen Sie mich neugierig, Manì.“
 

Leseprobe

Christa Bacovsky

DER PORZELLAN-BRENNOFEN

Die Fünfziger-Jahre

 

Wenn wir in unserer kleinen Wohnung beim Abendessen saßen, erzählte Vater oft vom Krieg. Zwar war er bereits vergangen, aber er beherrschte noch immer Vaters Gedanken. Ich erinnere mich, dass ich manches aufregend fand. Doch irgendwann mochte ich die sich immer wiederholenden Gräuelgeschichten nicht mehr hören. Ich war froh, dass die Erzählungen durch den Brennofen eine Wendung erhielten.

    Puppi, hol mir doch bitte einen Löffel aus der Küche. Wie soll ich denn sonst meine Suppe essen?“, murrte mein Vater. Puppi war ich. Niemand in der Familie nannte mich bei meinem richtigen Vornamen. Zumindest damals nicht, als ich ein kleines Mädchen von fünf oder sechs Jahren war.

    In Windeseile brachte ich den Löffel, den ich beim Tischdecken vergessen hatte, um nur ja keine Neuigkeiten aus der Welt des Brennofens zu verpassen.

    Der Brennofen war jetzt beruflicher Mittelpunkt im Leben meines Vaters. Wieder eine Aufgabe. Etwas entstand aus seiner Hände Arbeit. Genauso wie bei seinen Schuhen. Vor dem Krieg stellte mein Vater Maßschuhe her. Meine Eltern und ich hatten sehr feine, meisterlich gearbeitete Lederschuhe. Aber wer sonst wollte kurz nach dem 2. Weltkrieg Maßschuhe haben?

    Bei den Maßschuhen begann der Wiederaufbau nicht. Und so landete der Schuhmachermeister beim Porzellan. Dort begann der Wiederaufbau auch nicht. Der Porzellan-Manufaktur Augarten ging es wirtschaftlich schlecht. Aber mit reduzierter Produktion konnte der Betrieb erhalten werden. Und mein Vater, der Ästhet, war glücklich, mit schönen Dingen arbeiten zu dürfen.

    „Könnt ihr euch das vorstellen? Ein Porzellanfigurenmodellierer muss eine dreijährige Ausbildung absolvieren und braucht dann noch viele Jahre Praxis, bis er selbständig seine erste Figur herstellen kann. Alles wird von Hand bemalt. Meine Kollegen sind Künstler. Aber der Brennofen, der verlangt Feingefühl, viel Feingefühl. Sonst geht alles zu Bruch. Die Spannungen in dem zarten Material, versteht ihr?“

    Eines Tages brachte mein Vater von der Arbeit eine wunderschöne, bauchige Vase mit, die mit einer grünen Rose bemalt war. „Das Dekor heißt ‚Maria Theresia‘“, erklärte uns mein Vater. „Es wurde für das Tafelgeschirr der Kaiserin kreiert. Deshalb der Name.“

    Meine Mutter erbleichte. „Wie kommst du zu diesem unbezahlbaren Stück?“ Die Vase anzurühren, wagte sie nicht. Schusselig, wie sie war, hatte sie zu dieser Zeit bereits die Hälfte von Großmutters goldumrandetem Hochzeitsservice auf dem Gewissen.

    Mein Vater schickte mich, den Küchenschemel zu holen. Dann stellte er die Vase ganz oben auf den Schrank im Wohnzimmer, wo meine Mutter sie nicht erreichen konnte. Stolz und mit glänzenden Augen blickte er zu der grünen Rose hinauf. „Ich habe sie als Anerkennung bekommen, weil seit meiner Tätigkeit am Brennofen die Bruchquote um 28 % zurückgegangen ist.“

 

Anno 2011

 

Richtig aufgeregt bin ich. Gleich wird Margit Fischer, die Gattin unseres Bundespräsidenten, im blauen Hosenanzug das blaue Band durchschneiden. Die Kapelle der Deutschmeister spielt auf. Ich liebe Traditionen. Die Festgäste stellen ihre Sektgläser ab und formieren sich, das neu eröffnete Porzellanmuseum im renovierten Schloss Augarten zu betreten.

    Und jetzt? Jetzt stehe ich hier – vor dem Brennofen, der sich mächtig über zwei Etagen erhebt; vor dem Porzellanmodellierer, der vor einer Menge Scherben sitzt, die sich dank seines Geschicks zu einer zierlichen Figurine verbinden werden; vor der Malerin, die mit feinsten Pinselstrichen einen Garten auf weißes Porzellan zaubert.

    Der Brennofen, einst Mittelpunkt im Leben meines Vaters, ist jetzt die zentrale Figur des Museums. Eine „dominante Persönlichkeit“ nannte ihn die Kuratorin in ihrer Ansprache. Und das ist er tatsächlich. In meiner kindlichen Vorstellung ähnelte er seinerzeit eher unserem Küchenherd. Doch er hat eine weitaus umfassendere Dimension. Heute ist der Brennofen in seinem Inneren begehbar. Er wurde ausgehöhlt und zu einem Ausstellungsraum gemacht. Sein Äußeres ist im Originalzustand geblieben.

    Dann sehe ich das Bild an der Wand! Mein Vater, mit Asbestschürze und Schirmkappe bekleidet, steht mit zufriedenem Lächeln neben seinem Ofen. Ungefähr 60 Jahre ist das Foto alt und mein Vater lebt schon lange nicht mehr. Ob es ihn gefreut hätte, dass sein Ofen eine neue Aufgabe erhalten hat und nicht abgerissen wurde?

    „Lange Zeit war der Abbruch Teil des Museumskonzepts“, erläutert die Kuratorin. „Doch dann wurde der Plan verworfen. Die Porzellan-Manufaktur besteht seit dem Jahre 1718. Der Ofen ist ein Teil der Unternehmensgeschichte. Wir konnten ihn nicht einfach auf den Müll werfen.“

    Gott sei Dank, denke ich, das ist noch einmal gut gegangen. 60 Jahre sind wie weggewischt. Mein Vater sitzt mit dem Suppenlöffel in der Hand beim Abendessen. Ich bin fünf Jahre alt und sage altklug: „Nein, keine Sorge, er wird nicht abgerissen. Der Ofen ist doch eine Identifikationsfigur des Hauses.“

    Die Fanfaren der Deutschmeister reißen mich aus meiner Fantasiewelt. Leider bin ich etwas nahe am Wasser gebaut. Deshalb gehe ich schnell nach draußen, bevor mich die Erinnerung zu Tränen rührt. Ich spüre schon, wie mir der Hals eng wird. Gott im Himmel, gleich werde ich mich lächerlich machen. Wie sieht das aus, wenn ich heulend vor dem Brennofen stehe? Ich muss meine Aufmerksamkeit bewusst einem anderen Objekt zuwenden – das wird helfen. Unter Marschklängen gehe ich eilig in Richtung Buffet.

 

 

Die Vase, den Anerkennungspreis meines Vaters, hatte meine Mutter nie angefasst. Heute strahlt die grüne Rose in unverminderter Intensität in meinem Wohnzimmer.